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Perserteppich
Mandala

Symbolik

 

2.3.1. Das Gartenkreuz

In zahlreichen traditionellen Stammesgesellschaften verschiedenster Zeiten und Weltgegenden begegnet man dem mythisch-rituellen Komplex der Weltgründung aus dem Chaos über die Setzung eines Ordnungs- und Orientierungsprinzips. „Die Erlangung eines ‚Zentrums’ durch die Kreuzung zweier gerader Linien und die Projektion der vier Horizonte in den vier Hauptrichtungen stellte eine wahrhafte ‚Schöpfung der Welt’ dar. Der Kreis – oder das von einem Zentrum aus konstruierte Viereck – war eine imago mundi“ (Die Deutsche Bibliothek/ Eliade 1991, S. 15).

Im Zentrum befindet sich eine Markierung in Form eines Pfahls oder Baumes, von Eliade als „kosmische Achse“ bezeichnet (vgl. ebd., S. 16). Er symbolisiert die lebensnotwendige Verbindung zum Himmel, zum Göttlichen, zum Transzendenten. In vielen schamanischen Traditionen Asiens, Australiens und Amerikas herrscht der Glaube, „[...] die Schamanen würden mittels eines Baumes oder eines Pfahls, der gleichbedeutend ist mit dem Baum der Welt, also der kosmischen Achse, in den Himmel klettern“ (vgl. ebd., S. 17).

Zur Verdeutlichung führe ich kurz ein Beispiel des Ethnologen und Religionswissenschaftlers Mircea Eliade an. Die Achilpa-Australier praktizieren auf ihren ausgedehnten Wanderungen durch das ‚Outback’ ein alltägliches Ritual, das auf folgendem Ursprungsmythos beruht: „Aus dem Strunk eines Gummibaums hat Numbakula (= göttliches Wesen) einen heiligen Pfahl, Kauwa-auwa, geformt, und nachdem er ihn mit Blut bestrichen hat, ist er an ihm hinaufgeklettert und im Himmel verschwunden“ (ebd., S. 16). Die Achilpa führen einen heiligen Pfahl mit, stellen ihn an Rastplätzen auf und bestimmen die einzuschlagende Richtung je nach seiner Neigung. Würde dieser sakrale Stab zerbrechen, käme es für diese Menschen der Katastrophe und dem Ende der Welt gleich. Sie würden einige Zeit verängstigt und orientierungslos umherirren, um sich dann einfach hinzulegen und dem Tod zu überlassen (vgl. ebd., S. 16).

Dieser primordiale Akt der ‚Kosmisierung’ (griechisch: Kósmos = Ordnung) unbekannten Territoriums, d.h. die Organisierung des Raumes durch die symbolische Wiederholung des Schöpfungsmythos, ist wahrscheinlich ein allgemeinmenschliches Phänomen. Selbst bei der Mondlandung wurde er noch vollzogen, indem man eine Flagge als nationalistisches Pendant zur kosmischen Achse senkrecht in den Mondstaub steckte.

In vielen archaischen Weltbildern begegnet man dem Kreuz der Welt (vgl. Bauer, Dümotz, Golowin 1980, S.27 ff.). Dieses Ursymbol findet sich auch bei dem afrikanischen Volk der Dogon in Mali. Ihr Himmels- und Schöpfergott Amma schuf das Weltgebäude aus einem Weltenei mit zwei Plazenten (vgl. Bellinger 1989, S. 30).

(Abb. 53: Afrikanisches Weltbild)

Die archetypische Geste der Heiligung des Raumes spielt auch bei Dorf- und Stadtgründungen eine zentrale Rolle, denn sie ermöglicht die Eroberung der Welt und die Umwandlung der natürlichen Landschaft in einen kulturellen Lebensraum (vgl. ebd., S. 19). Auf Bali beispielsweise erfolgt eine Dorfgründung an einer natürlichen rechtwinkligen Wegkreuzung. Im Zentrum steht oft ein Kultgebäude oder ein Baum, wie es uns auch von alten heimischen Dörfern geläufig ist; man denke nur an die Dorflinde. „Der römische mundus war ein in vier Teile geteilter Kreisgraben; er war gleichzeitig Abbild des Kosmos und Musterbeispiel für eine menschliche Siedlung“ (ebd., S. 18). Noch heute erinnern die Ausdrücke ‚Stadtviertel’ und ‚Quartier’ an diese archaische Tradition.

Diese kosmische Symbolik findet sich auch in der Konstruktion von Kultgebäuden und Heiligtümern nahezu aller Kulturen der Menschheit wieder. Auch das einfache Wohnhaus spiegelt den heiligen Kosmos. „Bei den Nomaden bedeutet der Stab, der das Zelt trägt, die kosmische Achse; bei den Sesshaften übernimmt der Mittelpfeiler oder das Abzugsloch für den Rauch diese Rolle“ (ebd., S. 19).

In gleicher Weise ist der Garten ein geheiligter Raum, der den Kosmos repräsentiert. Bei den Persern gibt es die alte Tradition, Gartenteppiche zu weben, die diese archaisch-abstrakte Gartenidee verkörpern.

(Abb. 54: Perserteppich)

In diesen Knüpfkunstwerken aus Wolle oder Seide war noch der „magische Glaube an das Double“ wirksam. „So sicherte der Herrscher, der in sich selbst die Kraft der Fruchtbarkeit besaß, während des Winters die Erhaltung der Natur und ihr Wiederaufleben in jedem Frühling“ (Bazin 1990, S. 13). Der Garten scheint also auch ein Symbol der universellen Schöpfungsenergie zu sein.

Heilige Symbole, z.B. die indischen und tibetischen Mandalas, weisen dasselbe Konstruktionsprinzip auf und auch die Systeme früher Naturreligionen kristallisieren sich um diese Grundform, wie z.B. das abstrakte Weltbild der Azteken.

(Abb. 55: Aztekisches Weltbild)

Ohne auf die komplexe Symbolik dieses Konstruktes im Einzelnen eingehen zu können, möchte ich doch darauf hinweisen, dass Bäume und Vögel darin wiederholt vorkommen.

Auch Sandzeichnungen der Navajo, sog. ‚drypaintings’, basieren auf demselben Archetyp. Sie wurden im Rahmen spiritueller Riten mit Farbpigmenten, die zum Teil aus Pollen gewonnen wurden, in gesäuberten Sand gestreut und nach Beendigung der Zeremonie wieder weggewischt.

(Abb. 56: Navajo-drypainting)

Im tibetischen Buddhismus besteht eine erstaunlich ähnliche Tradition, in der bunte Sandmandalas gestaltet werden, die nach der mühevollen, Wochen oder Monate beanspruchenden Herstellung kurzerhand wieder zerstört werden.

(Abb. 57: Tibetisches Sandmandala im Entstehen)

Das Heilige Medizinrad der nordamerikanischen Indianer mit der dazugehörigen Philosophie beruht ebenso auf der grundlegenden Vierteilung der Welt. Dieses System ist jedoch ausdifferenziert und auf zwölf sog. Richtungsmächte ergänzt, denen spezifische Wesensqualitäten zugeteilt sind.

(Abb. 58: Medizinrad)

(Abb. 59: Schema Medizinrad)

Ganz ähnlich präsentiert sich uns das System der astrologischen Tierkreiszeichen. Auch das abstrakte Symbolsystem des chinesischen I Gings mit seinen Strichcodes hat sich aus einem Grundstock von vier grundsätzlichen Qualitäten heraus entwickelt (vgl. Die Deutsche Bibliothek/ Wilhelm 1999, S. 15). Ich will es bei diesen vagen Querverweisen belassen, denn es geht mir lediglich darum, die Universalität dieses Symbols aufzuzeigen.

Schon C. G. Jung hat im Zusammenhang mit seiner Archetypenlehre darauf hingewiesen. Im Mandala erkannte er ein Urbild der Ganzheit und bezeichnete es als „Archetypus der Archetypen“ (Stevens o. J., S. 34). Er interpretierte es als Symbol der Wandlung, der Reifung, Individuation und seelischen Integration (vgl. Schuster 1986, S. 39 f). „Obschon die „Ganzheit“ zunächst nichts als eine abstrakter Begriff [...] zu sein scheint, so ist dieser doch insofern empirisch, als er in der Psyche durch spontane resp. autonome Symbole vorweggenommen wird. Es sind dies die Quaternitäts- und Mandala-Symbole, welche nicht nur in den Träumen ahnungsloser Moderner, sondern auch weitverbreitet in historischen Monumenten vieler Völker und Zeiten vorkommen“ (Jung GW Bd. VIII, 1951, S. 55).

(Abb. 60: Mandala aus Jungs Therapiepraxis)

Read interpretierte diese archetypischen Gebilde als „ [...] die revidierten endgültigen Wiedergaben der elektrostatischen Muster, die durch die gewöhnliche anschauliche Erfahrung in der Gehirnrinde erzeugt werden. Sie können durch innere Konzentration aufgespürt und wiedergegeben werden [...]“ (Read zit. n. Schnakenburg 1994, S. 107). Es handelt sich also um Figurationen einer Art ‚inneren Sehens’ mit geschlossenen Augen, ähnlich der Nachbilder. Viele Meditierende kennen dieses Phänomen des in leuchtenden Farben vor ihrem inneren Auge kaleidoskopartig erscheinenden, flimmernden Mandalas, das Reads Hypothese zufolge seinen Ursprung in physiologischen Prozessen des Großhirns, sog. Polarisationsströmen, hat (vgl. ebd., S. 109).

Ich interpretiere das Gartenkreuz bzw. das Mandala als verdichtetes Bild für die Erfahrungswelt des Ungeborenen. Als archetpypische Bilder eines ‚inneren Sehens’ kann das Mandala meiner Ansicht nach als Prototyp des vorgeburtlichen Sehens angesehen werden. „Die anatomischen Voraussetzungen für ein Sehen schon im Mutterleib sind sehr früh gegeben“ (Hertl 1994, S. 87). Schon in der an optischen Reizen relativ armen Umwelt des Ungeborenen gaben die Sehzellen ständig Signale ab, denn ein „[...] sehr kompliziertes System der Reizaufnahme und der Reizverarbeitung musste aufgebaut werden: Aufnahme des Lichts durch lichtempfindliche Zellen, Übersetzung des Reizes in elektrische Impulse, die durch den Sehnerv ins Stammhirn geführt werden und von dort nach verzweigenden Schaltungen zur Sehrinde im hinteren Abschnitt des Großhirns gelangen, wo das Gesehene ins Bewusstsein gehoben wird“ (ebd., S. 87). Ohne ein ständiges Üben könnte sich dieses komplexe Zusammenspiel, das Sehen ermöglicht, nicht entwickeln. In der Deutung des archetypische Mandalas als pränatale Seherfahrung, die in physiologischen Prozessen wurzelt, hat man eine plausible Erklärung für das archetypische Vorkommen dieses Musters in allen Schöpfungsmythen der Welt.

Auch als Traumsymbol taucht das Mandala häufig auf. In den Aufzeichnungen, die Jung während einer existentiellen Krise gemacht hat, beschreibt er ein eigenes erlösendes Traumsymbol, welches das Ende seiner Krise markierte: „Er befand sich in Liverpool (wörtlich ‚Lebensteich’), dessen Stadtviertel radial um einen Platz angeordnet waren. In dessen Zentrum befand sich ein runder Teich mit einer kleinen Insel in der Mitte. Die Insel strahlte im Sonnenlicht, während alles darum herum von Regen, Nebel, Rauch und spärlich beleuchteter Dunkelheit eingehüllt war. Auf der Insel wuchs ein einzelner Baum, eine Magnolie, in einem Schauer von rötlichen Blüten. Obwohl der Baum im Sonnenlicht stand, erschien es Jung, als ob er zugleich die Quelle des Lichts selbst wäre“ (Stevens o. J., S. 34 f.).

Hier sind noch weitere symbolische Elemente versammelt, die als Ensemble ihren unmittelbaren Sinn ergeben. Diese fantastische Schilderung mutet seltsam vertraut und einleuchtend an. In der Vorstellung und Anlage von Gärten wurde und wird, wie dargelegt, immer wieder auf diesen Archetypus als Gartenkreuz zurückgegriffen. Auf die enthaltenen Elemente Wasser und Baum werde ich im Folgenden noch eingehen. Das Motiv der Insel werde ich jedoch nicht gesondert behandeln, obwohl es gelegentlich in Gärten zum Tragen kommt; vor allem in China ist sie als sog. Insel der Unsterblichen ein beliebtes Gestaltungselement.

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Johanna Schacht | joh_schacht@web.de