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Sonnenblume, Detail

Philosophie 

3.8.  Die Dialektik der Lebenskräfte

Im menschlichen Lebensvollzug findet eine Wechselwirkung zwischen leiblicher Erfahrung und denkender Verarbeitung statt. Menschliches Leben ist wie Leben allgemein ein dialektisches, rhythmisches Wechselspiel gegenläufiger Kräfte. Siegfried P. Neumann bezeichnet dieses Prinzip allgemein als die ‚Dialektik der Lebenskräfte’, die sich in der polaren Spannung zwischen Nähe/Distanz, Interdependenz/Autonomie, Geborgenheit/Unabhängigkeit, Begrenzung/Freiheit, innen/aussen, total/partial, Ruhe/Bewegung, dunkel/ hell, fallen/steigen, Tod/Leben etc. etc. entfaltet. „Niemand und nichts ist auszuschließen; alles hängt mit allem zusammen“ (Neumann 1998, S. 283 f.).

Nach Kükelhaus bedeutet individuelles Leben das „[...] Ergebnis des im Spiel des Lebens stetig sich ändernden Verhältnisses zwischen Erstarrung und Auflösung, Stehen und Fallen, Stillstand und Änderung“ (Kükelhaus 1977, S. 15 f.).

Diese Erkenntnis ist uralt; sie findet sich in allen überlieferten Weisheitslehren der Menschheit. Neumann zufolge handelt es sich bei dieser ‚Er-kenntnis’ um ein immer schon Gewusstes, eine ‚Er-innerung’, eine ‚Mitgift’ des Lebens an den Menschen, die ‚Maßgabe des Menschlichen’. „Der Mensch ist das Lebewesen, in dem das immer schon Bekannt-sein mit etwas [...] für die Möglichkeit von Erkennen, moralischen Handeln und politischen Tun in seiner ontologischen Existenz angelegt ist“ (Neumann 1998, S. 282).

Im Zusammenhang mit Erörterungen zu Humboldts Bildungsbegriff bemerkt Neumann: „Mit seiner Idee der Wechselwirkung streift Humboldt die Dialektik der Lebenskräfte. Er eröffnet damit eine Sicht auf den Menschen, der in der Tradition ungewöhnlich ist [...]. Das wäre zugleich ein anderer Fortschritts-Begriff  als der, der in unserer Welt der Monolektik der instrumentellen Vernunft zur Herrschaft gelangt ist“ (Neumann 1998, S. 10). Die dualistische Denkweise wird hier als Monolektik bezeichnet. Diese hat einen linearen, exponentiellen Fortschrittsbegriff hervorgebracht, der im ökonomischen Wachstumsbegriff besonders augenfällig ist. Dem gegenüber handelt es sich beim dialektischen Fortschrittsbegriff um eine rhythmisch pendelnde Bewegung; bei Humboldt in Bezug auf den Bildungsprozess des Individuums um eine Gegenbewegung von Verinnerlichung und Entäußerung, bei Hegel um den Dreischritt von These, Antithese und Synthese.

Diese Art des Denkens hat den starren Dualismus und das rein lineare Denken überwunden bzw. ergänzt durch eine lebendige dialektische Methode. Die Schwierigkeit dabei ist, dass der Mensch ein Bewusstsein bzw. eine Aufmerksamkeit entwickeln muss, welche nicht mit dem Denken identifiziert ist. Wenn die Menschen lernen, ihre Leiblichkeit, ihre Instinkte, Emotionen, Phantasien, Intuitionen bewusst wahrzunehmen und mit Hilfe des Denkens in ihr Selbst- und Weltbild zu integrieren, so dass sie in ihren Handlungen und Entscheidungen berücksichtigt werden und nicht mehr in unreflektiert-unbewusster Weise einfließen, ist ein großer Schritt zu mehr Humanität getan. Dies bedeutet die gleichrangige Anerkennung der Natur neben der Kultur, des Leibes neben dem Geist. „Der Mensch wäre, würde er in der Gesetzlichkeit seiner Organe leben, ein wahrhaft sittlicher Mensch“ (Kükelhaus 1977, S. 19).

Hugo Kükelhaus machte vor, wie ein dialektischer Erkenntnisprozess als ein „[...] fühlendes Denken oder ein denkendes Fühlen [...]“ geschehen kann (Kükelhaus 1977, S. 23). Auf das abstrakte, allgemeine dialektische Gesetz der Lebenskräfte kam er durch genaue, nachdenkende Beobachtung von vegetabilen Formen. „Diese drängenden Gegenwendungen zeitigen im geometrischen Erscheinungsbild der Pflanze deren spiralige Anlage“ (ebd., S. 17). Die Spirale vereinigt in sich die gegensätzlichen Bewegungsformen der Linearität und Zirkularität.

(Abb. 118: Kükelhaus 1)

„Das geometrische Flächengebilde, in dem die beiden Strebungen Strahl und Kreis aufgehoben sind (ohne Vermischung aufgehoben zu einem neuen Dritten), ist die Spirale.[...] Entsprechend ihrer Entstehung durch Vereinigung des Gegengerichteten ist in der Natur außerdem die Spirale eine paarige sowohl ‚links’ wie ‚rechts’ verlaufende. [...] So ist das bei der Sonnenblume und beim Tannenzapfen (und überall sonst)“ (ebd., S. 17).

(Abb. 119: Sonnenblume, Detail)

(Abb.120: Kükelhaus 2)

Dasselbe Prinzip der gegenläufig sich verbindenden Doppelhelix bildet auch das Konstruktionsschema der Chromosomen in jeder einzelnen Zelle aller Lebewesen.

 

3.9.   Der Garten als Integrationsmacht

An dieser Stelle möchte ich kurz den Garten als Thema zurück ins Bewusstsein rufen. Der Garten ist ein zentrales Kulturprodukt der Menschheit, das an und mit der Natur arbeitet. Der Antrieb des Menschen zur Kulturentwicklung liegt in dem Bedürfnis der Umgestaltung der Natur ins Menschendienliche. Hier hat auch die Kunst ihren Ursprung. Sie war seit den magischen Höhlenmalereien des Paläolithikums ein Mittel der menschlichen Naturaneignung.

Mircea Eliade hat aufgezeigt, dass die sog. Kosmisierung der Welt, d.h. die menschliche Produktion eines geordneten Weltbildes mit ihren dazugehörigen Mythen und Riten der Furcht des Menschen angesichts einer unübersichtlich großen, übermächtigen, gefährlichen Umwelt entspringt. Sie kann als kulturelle Urhandlung bezeichnet werden, die dem Menschen Orientierung und das Gefühl der Beheimatung gibt und so seinen Handlungsspielraum eröffnet.

Im eng umgrenzten Rahmen des Gartens wird das Bedürfnis nach einer dem Menschen zuträglichen Natur Wirklichkeit; allerdings nur durch den unermüdlichen Einsatz menschlicher Arbeit. Ein Garten ist ein zu einem kulturellen Kosmos umgestaltetes Stück Natur, mit symbolischer Bedeutung belegt.

Gärten geben der Sehnsucht nach der paradiesischen, zuträglichen Natur unmittelbar Ausdruck. Als Leitbild dient dabei die Sehnsucht nach einer versorgenden, Geborgenheit und Glück vermittelnden Umgebung. Den Ursprung dieses Leitbildes sehe ich in der pränatalen Erfahrung, die in jedem Menschen gespeichert ist. Es fand historisch vielfältigen symbolischen Ausdruck in Paradiesvorstellungen, die sich oft auf den Anfang und das Ende aller Zeiten bezogen. Dieser ‚retro-visionäre’ Charakter des Garten-Leitbildes wird z.B. in der christlichen Paradiesvorstellung deutlich. Als Paradies wird einerseits der Garten Eden zu Beginn der Schöpfung, aus dem der Mensch vertrieben wurde, bezeichnet; andererseits ist von dem himmlischen Paradies der Seligen nach dem Tode die Rede. Der Garten spannt den Bogen vom Beginn zum Ende des Lebens; er ist das Alpha und Omega eines dem Göttlichen nahen Zustands.

Durch rationales, planvolles Handeln wird Natur im Garten kultiviert, d.h. verfeinert und weiterentwickelt. Der Mensch züchtete wilde Nahrungspflanzen zu Kulturpflanzen, steigerte dadurch den Ertrag und verbesserte den Geschmack. Schon früh verlegte man sich auch auf die Züchtung nicht essbarer Blumen um des ästhetischen Genusses willen.

Natur und Kultur sind in der Gartenkunst nicht zwei getrennte Bereiche, sondern durchdringen sich gegenseitig und bilden eine Allianz. Ein Garten ist das Produkt menschlichen zweckorientierten Handelns und der Selbsttätigkeit natürlicher Prozesse, die ein einheitliches Ganzes bilden. Diese Synthese ist in der Lage, den Menschen in seiner leib-geistigen Ganzheit anzusprechen und eine Resonanz in ihm zu erzeugen. Daher ist es verständlich, dass der Garten sich mit fortschreitender Zivilisationsentwicklung zu einem utopischen Topos entwickelte, der den Menschen in einer künstlerisch-kosmischen Harmonie aus seinen Dichotomien erlöst.

Der Garten birgt das Potential, die innere Natur des Menschen mit seinem rationalen Ich-Bewusstsein zu versöhnen. Besonders die in spirituellem Kontext angelegten Gärten wie z.B. die Zen-Gärten des japanischen Buddhismus zielen auf die Ausbildung eines höheren Bewusstseins der All-einheit, das den separatistischen Standpunkt des autonomen Selbstbewusstseins überwindet.

Die Werke der Gartenkunst stellen sichtbare Synthesen der äußeren Natur mit der menschlichen Technik dar, aus denen ästhetischer Genuss geschöpft wird, indem sie die synkretistische Erfahrung innerer Einheit in einer äußeren Einheit von Natur und Geist spiegeln und gleichzeitig die Erfahrung der Einheit von innen und außen vermitteln. Insofern könnte gerade die Gartenkunst in einem dialektischen Kunstbegriff von zentraler Bedeutung sein. Damit meine ich einen umfassenden Begriff von Gartenkunst, der sowohl den realen als auch den utopischen Topos umfasst und gebaute ebenso wie gemalte Anlagen meint (vgl. http://www.vl-museen.de/lit-rez/schneider01-1.htm).

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Johanna Schacht | joh_schacht@web.de