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Fötus in der Fruchtblase

Kunsttherapie


4.1.1.  Regression als Bedingung für seelische Weiterentwicklung

Die menschliche Entwicklungsdynamik beinhaltet also bewusste Rückschritte, um frühe Blockaden in der Individuationsentwicklung zu lösen und vorwärts zu kommen. Diesem dialektischen Spannungsfeld unterliegen auch die Initiationsriten archaischer Völker. Als kollektive Inszenierung unterstützen diese Riten den Einzelnen in seiner Reifungsentwicklung. Initiationen sind Prozesse, die in die drei Phasen Trennung – Umwandlung – Wiedereingliederung unterteilt sind. Der Regression, die mit einer inneren Einkehr und Ablösung von der Gemeinschaft verbunden ist, folgt die Wiederbesetzung der Welt auf einem neuen Funktionsniveau (vgl. Janus 2000, S. 191).

Besonders bei Pubertätsriten ist dieses Schema zu beobachten, das einer rituellen Rückkehr in den Mutterschoß sowie einer erneuten Geburt entspricht. Die Initianten werden noch als Kinder in ein fötales Zwischenstadium versetzt, um dann als Erwachsene wiedergeboren zu werden. Der Vorgang der Geburt dient als Urbild für Individuation und Transformation (vgl. ebd., S. 191).
In schamanischen Kulturen werden Krankheiten von Stammesmitgliedern in Heilungsriten behandelt, die mehrere Tage oder Wochen dauern und die Angehörigen, manchmal auch den ganzen Stamm miteinbeziehen. Bei den indianischen Navahos z.B. läuft ein solches Heilungsritual, bei dem durchaus auch körperliche Krankheiten geheilt werden, folgendermaßen ab: zunächst gibt es eine mehrtägigen Vorbereitungsphase mit Reinigungszeremonien und Aufgaben. Die Heilungssuchenden „[...]müssen durch bestimmte Tore, symbolisiert durch Reifen, hindurchgehen und über viele Berge hinüberschreiten, bevor sie den sicheren Raum des Rituals betreten dürfen“ (Engelhardt in Zifreund 1996, S. 39). Hier kommt es zum zentralen Teil des Heilungsrituals. Der Schamane, bei den Navahos heißt er ‚Sänger’, hat ein mandalaartiges Sandbild, ein sog. ‚drypainting’ gestaltet, das den Urzeitmythos dieses Volkes visualisiert. „Auf das Zentrum setzen sich die Heilungssuchenden. Im Lauf des Heilungsrituals wird symbolisch der Mythos in Form des lose aufgestreuten Sandes vom drypainting auf den Körper des Heilungssuchenden übertragen und damit die im Mythos vollzogene Wiederholung des Urzeitgeschehens sozusagen mit allen Sinnen erstrebt“ (ebd., S. 40). Der Schamane singt dazu die heiligen Mythen und schlägt die Schamanentrommel. Im Laufe des Rituals ist ein rituelles Erbrechen der ‚sung over person’ (des Heilungssuchenden) vorgesehen (vgl. ebd., S. 37). Es „[...] spielen auch noch Tänzer [...] und Musiker eine bedeutende Rolle. Die Gesänge und die Wirkung der Trommeln sind ein wesentlicher Bestandteil dieses ganzheitlichen Geschehens“ (ebd., S. 41). Alle Beteiligten fallen in eine synästhetische Trance, die meiner Ansicht nach eine Regression auf die pränatale Erlebniswirklichkeit darstellt, wobei die Trommeln den Herzschlag von Mutter und Kind simulieren. Dieser Zusammenhang ist ablesbar an „[...] der äußerst hohen symbolischen Bedeutung der Trommel, ihrem Bezug zum Lebensbaum und ihrer Materialisation der schamanischen Kraft“ (Mastnak in Zifreund 1996, S. 141).

„Die Navahos wenden für diese ganzheitlichen sozialen Rituale die ganze Fülle ihrer künstlerischen Möglichkeiten auf. Dies dient zwar in erster Linie den Heilungssuchenden, um deretwillen sie veranstaltet werden. Sie dienen aber auch dem ganzen Stamm. Denn sie sind Gelegenheiten, mit Hilfe der zeremoniellen Wiederholung des Urzeitgeschehens für alle Beteiligten Harmonie und Frieden und Leben in Schönheit wiederherzustellen, und Menschen, die sich auseinandergelebt haben, einander wieder näherzubringen durch gegenseitige und zu gegenseitiger Hilfeleistung“ (Engelhardt in Zifreund 1996, S. 42).

C. G. Jung sah in der therapeutischen Arbeit einen Individuationsprozess. Dieser beinhaltet eine pränatalsymbolische Tiefenregression und Wiedergeburt und weist insofern eine große Nähe zu den kollektivsymbolischen Heilungsprozessen auf, wie sie in Stammesgesellschaften in Form von schamanischen Heilungen und Initiationen zelebriert werden. Im Begriff der Individuation ist zusätzlich noch ein Ich-vermitteltes, reflektiertes Niveau impliziert, das dem modernen Individuum gerecht wird (vgl. Janus 2000, S. 190).

Die rituell-therapeutische Regression auf ein pränatalpsychologisches Entwicklungsniveau ist keineswegs bloß metaphorisch zu verstehen, sondern im Sinne der körpertherapeutischen Methode als ein reales Wiedererleben frühester vorsprachlicher Erfahrungen. Für die psychische Integration ist es dabei notwendig, sowohl den Traumata, bzw. den ‚Dämonen’ zu begegnen, sie zu besiegen, als auch Zugang zu den ‚innersten Quellen der Kraft’ zu erlangen. So werden die ‚verlorenen Seelenteile’ während einer Schamanenreise wiedergeholt und eine schöpferische Integration geleistet durch eine „[...] imaginative Tiefenregression auf pränatale Funktionsmodi“ (ebd., S. 191).

Wiederholung in der Regression meint also im doppelten Wortsinn existentiell leibhaftige Wiederholung früher Erfahrungen einerseits und Wiederholung verdrängter Tiefendimensionen ins Bewusstsein andererseits. Für das Verständnis von progressiven Regressionen ist es wichtig, „[...] daß im Wiederholen das Wiederzuholende sich zu erkennen und möglicherweise zu fassen gibt und dass solches Zurückgehen die unumgängliche Bedingung für einen gleichgewichtigen Fortgang des Lebens bedeutet“ (Lippe 2000, S. 261).

Häufig handelt es sich bei solchen Regressionen zu schmerzhaften Erfahrungen, die das Ichbewusstsein in der Verdrängung zu halten bemüht ist, um ein Wiedererleben des Geburtstraumas. Ohne diese schmerzhafte ‚Katharsis’ ist eine psychische Weiterentwicklung nicht möglich, weil Veränderungen generell vermieden werden, um eine Aktualisierung des Traumas zu verhindern. Die Regression zu frühen Traumata hebt diese Bewusstseinsspaltung auf und leistet die Integration schmerzhafter Erlebnisse in das psychische Erleben.

In archaischen Riten wurde diese psychische Integration auf einer kollektiven, symbolisch vermittelten, vorbewussten Ebene geleistet, während die Aufgabe der modernen Psychotherapien in der individuellen Selbstregulation des Klienten liegt. „Der Psychoanalytiker muß kommen, um endlich wieder das erprobte Wissen in den alten, der Zukunft zugewandten Lehren der maskierten Schamanen und Hexendoktoren zu bestätigen, wobei sich herausstellt, [...] daß im Augenblick der Lösung die zeitlose Intiationssymbolik vom Patienten selber produziert wird. Offenbar enthalten die Initiationsbilder etwas der Seele so Notwendiges, daß sie in einer Welt, die sie nicht von außen, durch Mythos und Ritual, heranträgt, wieder von innen, durch den Traum bemerkbar gemacht werden müssen, wenn nicht unsere Energien in einem banalen, längst überholten Spielzeugarsenal wie auf dem Meeresgrund versenkt bleiben sollen“ (Campbell 1999, S. 20 f.).

Für die therapeutisch angestrebte Selbstregulation des Klienten muss ein intellektuelles Verständnis seiner eigenen Entwicklungsgeschichte angestrebt werden. Sloterdijk formulierte seinen hohen Anspruch an die Psychotherapie als ‚das denkende Herz der Moderne’ so (vgl. ebd., S. 203): „Wenn die erweiterte Psychoanalyse und die historische Anthropologie uns in einer nicht-metaphysischen Sprache sagen wollen, wie wir wurden, was wir sind, müssen sich beide um eine Übersetzung derselben Weisheitslehre in eine moderne Diktion bemühen“ (Sloterdijk 1999, S. 25 f., zit. n. Janus 2000, S. 194).

Ziel der Therapie soll die „Beheimatung bei sich selbst“ und die „Individuation zu sich selbst“ sein (Janus 2000, S. 193). „Auf der magischen und mythischen Bewußtseinsstufe haben die Menschen naiv in den Projektionen vorgeburtlicher und geburtlicher Erfahrungen als ihrem Zuhause gelebt. Diese imaginäre Welt wurde dann im Ritus und in den Gestaltungen des Mythos künstlerisch real gemacht. Dies war noch ganz gruppengebunden [...]. [Gegenwärtig] wird nun die persönliche und lebenslange Auseinandersetzung mit der eigenen Geburt, dem Heranwachsen und der eigenen Lebensgestaltung zu einem persönlichen Thema, zur Gestaltung des eigenen Lebensmythos in Wechselwirkung mit den mythischen Themen der jeweiligen Zeit“ (Janus 2000, S. 196).

Regression wird hier also ausdrücklich als notwendiges Element persönlicher Entwicklung begriffen im Gegensatz zur abwertenden Notation im Sinne eines Rückschritts und einer Fixierung auf ein überholtes Entwicklungsniveau, wie es in dem Freudschen Verständnis von Regression mitschwingt (vgl. Lippe 2000, S. 254). Unter den Voraussetzungen der dualistischen Spaltung des psychischen Systems ist Freuds Kritik an der Rückkehr vom Sekundärvorgang zum Primärvorgang allerdings berechtigt. „Diese Voraussetzungen selbst müssen wohl grundsätzlich hinterfragt werden. Bei ‚pathologischer Fixierung’ erscheinen die beiden Schichten so, als ob die eine oder die andere herrschen müsse, während es [...] auf die Chancen einer wechselseitig befruchtenden Durchdringung ankommen muß“ (Lippe 2000, S. 255).

Aus dieser Sicht wird der Zustand der dualistischen Spaltung als Ganzes begreifbar als pathologische Fixierung und Entwicklungsblockade des Individuums. Regressionen auf die Primärvorgänge finden in ihm statt, ohne reflektiert und verarbeitet zu werden. „Niemand leugnet gefährliche Formen der Regression. Sie sind gekennzeichnet durch Fixiertheit auf frühes Erleben unreflektierter Einheit und blockieren daher [...] nur Spielraum für die Wechselbeziehungen, in denen das Psychische sinnenhaften Austausch aufnehmen und in ihm sich selbst entfalten kann“ (ebd., S. 258). Solche „bösartigen Regressionen“ dienen der Abwehr von Verarbeitung (Balint nach Lippe 2000, S. 261). Sie äußern sich oft als Mystifikation, die als „[...] starre Verweigerung von Vernunft [...] gerade nicht gestattet, in den Grund tiefster unbenennbarer Beziehungen einzutauchen, um damit die Bereiche des Denkens, der Sprache, der Geschichte neu zu durchdringen“ (Lippe 2000, S. 261).

Oft ist bei Menschen, die eine transmarginale Traumatisierung bei ihrer Geburt erlitten, eine Tendenz zu ‚bösartiger Regression’ zu beobachten. Dowling spricht von ‚psychosomatischer Implosion’. Diese Menschen leugnen ihr Geborensein, indem sie das Geburtserlebnis abspalten. Sie haben Schwierigkeiten mit Veränderungen, weil solche Situationen die Gefahr bergen, das Ursprungstrauma zu reaktivieren. Das Phänomen des Autismus kann Dowling zufolge als extreme Ausformung dieses Mechanismus verstanden werden. Der Autist versucht mit seinen Symptomen sein Geborensein zu leugnen und sich die Illusion einer Weiterexistenz im Mutterleib zu ermöglichen (vgl. Dowling in Janus/Haibach 1997, S. 203 ff.). Für eine konstruktive, therapeutische, ‚progressive’ Regression ist es deshalb wichtig, den Prozess der Geburt, der Transformation, des Übergangs von einer in die andere Welt bewusst wiederzuerleben.

Zur Lippe spricht im Zusammenhang mit bösartiger Regression „[...] von Hospitalismus auch als einer Krankheit der gesamten gesellschaftlichen Situation“ (Lippe 2000, S. 258). Er meint damit die weit verbreitete Unfähigkeit des modernen Menschen zu lebendigen, erfüllenden mitmenschlichen Beziehungen einerseits und die allgemeine moderne Entfremdung vom Leben und dem Gesamtzusammenhang auf diesem Planeten Erde andererseits. „Erst das geschichtliche Bewußtsein von einem Mangel der modernen Menschen an Beziehungen mit der Mitwelt hat erlaubt, den Widerspruch von Regression und Progreß umkehrend aufzuheben“ (ebd., S. 258). Die Regressionen, welche „[...] die tiefen Verbindungen zur Mitwelt wieder zugänglich machen, [...] können nur weitertragen, wenn wir nicht ganz und gar in ihre unbegriffene Anwesenheit gebannt bleiben, sondern über diese hinausgehen, progredieren können. Ein durchaus aufklärendes Moment ist mit diesem Progressiven gemeint, auch wenn eine solche Aufklärung ihrer Gegenwelt, der Welt der existentiellen Lebensbeziehungen, sich immer neu versichert“ (Lippe 2000, S. 260 f.).

Der rhythmische Wechsel von Regression und Progression gehört also ebenso zur umfassenden Dialektik der Lebenskräfte, die im dritten Teil beschrieben wurde (s.o., S. 141 ff). Indem wir uns diesem allgemeinen Entwicklungsprinzip des Lebens wieder anvertrauen und es im Lebenvollzug bewusst praktizieren, verbinden wir uns wieder mit dem Gesamtzusammenhang des Lebens und leisten die Ich-Integration. Was früher die Mythos-Kultus-Einheit, später die Religion (von lat. relinquere = rückverbinden) geleistet hat, ist heute weitgehend zur Aufgabe der Psychotherapie als individuelle Entwicklungsbegleitung geworden. Auch und gerade die ästhetische Erfahrung und die Kunst haben Anteil an dieser regressiv-progressiven Entwicklungsdynamik. Der bildhaft-symbolische Ausdruck existentieller Beziehungen, der in solchen dialektischen Prozessen wurzelt, eröffnet die Chance zur kognitiven Verarbeitung und zum Verstehen von Entwicklungsgestalten.

Im Grunde müsste eine zeitgemäße Psychotherapie die beiden wesentlichen Elemente archaischer Initiations- und Heilungskulte in sich vereinen: einerseits die unmittelbare Regression in frühe Erfahrungen als sinnliches Wiedererleben und andererseits den bildhaft-symbolischen Ausdruck dieser Erfahrungen. Als drittes, dem heutigen Menschen notwendiges Element, kommt in der Psychotherapie als Entwicklungsbegleitung die kognitiv-intellektuelle Verarbeitung zur Ich-Integration hinzu.

Gerade die Kunsttherapie mit ihren vielfältigen Methoden könnte alle diese Elemente in sich vereinen, ist aber meines Erachtens zur Optimierung der Heilungsresultate auf die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit anderen ästhetisch-expressiven Kreativitätstherapien wie der Musik- und Tanztherapie angewiesen. Auch in diesen Therapierichtungen setzt man sich zunehmend mit Ekstase-, Trance- und Hypnosephänomenen auseinander und denkt über eine Integration ritueller Praktiken in therapeutische Zusammenhänge nach (vgl. Mastnak in Zifreund 1996, S. 143 f.)

Der Garten ist ein archetypischer Topos, der mit pränatalen psychischen Inhalten verknüpft ist, zugleich ist er aber auch dem zeitgenössischen Zivilisationsmenschen ein vertrauter Bestandteil seiner Welt. Er könnte insofern einen leichten Einstieg in eine ‚rituell inspirierte Kreativtherapie’ bieten.

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Johanna Schacht | joh_schacht@web.de